Wie ich vom Sportmuffel zum Dauerläufer wurde

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„Jetzt ist es soweit – du hast endgültig den Verstand verloren“, denke ich mir, als ich meine Sneakers schnüre und den Hausschlüssel vom Haken nehme. „Ernsthaft? Du willst also wirklich joggen gehen? DU und JOGGEN!? Das ist ja wohl ein schlechter Witz!“– „Nein, ist es nicht. Ich gehe wirklich joggen“, antworte ich mir. Vielleicht bin ich ja wirklich wahnsinnig geworden, immerhin führe ich hier gerade Selbstgespräche.

Ja, ich gehe joggen. Inzwischen werdet ihr es wohl alle verstanden haben, immerhin habe ich es jetzt oft genug wiederholt. Wer mich kennt, wird mich jetzt wirklich für wahnsinnig halten. Ich bin der größte Sportmuffel auf Erden. Schon um den Schulsport habe ich mich mehr oder weniger erfolgreich gedrückt. Aber nein, ich werde nicht gezwungen. Ich habe auch keine Wette verloren. Warum also gehe ich jetzt doch freiwillig unter die Sportler? Die Antwort ist eine Smartphone-App, die seit Wochen die Menschheit in Atem hält. Ihr ahnt es vielleicht schon – es geht um „Pokemon Go“.

DIE TYPISCHEN ANFÄNGERFEHLEr

Zuerst bin ich einfach nur viel spazieren gegangen – mit der Zeit auch immer weitere Strecken. Meine längste Pokemon-Jagd dauerte sage und schreibe 3 Stunden, danach war ich einfach nur noch fertig. Und am nächsten Tag hatte ich den schlimmsten Muskelkater meines Lebens.

Den hatte ich aber auch nach meiner allerersten Jogging-Konfrontation. Ich bin morgens um halb sechs aufgewacht und habe beschlossen, laufen zu gehen. Fragt mich nicht, woher dieser Gedanke kam. Wahrscheinlich habe ich einfach nur zu viel Freizeit und zu wenig Beschäftigung. Und weil ich das Ganze komplett ungeplant in den frühen Morgenstunden beschlossen habe – normalerweise setzt meine Denkfähigkeit erst nach der ersten Tasse Kaffee ein –, habe ich doch ein paar Dinge gemacht, die ich besser nicht gemacht hätte:

  • mit einem Blutzucker von über 250 mg/dl zu starten (ich war noch nie so schnell aus der Puste)
  • vorher frühstücken (mir wäre fast das Essen wieder hochgekommen)
  • keine Kontaktlinsen tragen (wegen Baum und so)
  • sich nicht aufwärmen
  • sofort wie von der Tarantel gestochen loszurennen (Seitenstechen wegen fehlender Kondition)

Aber wer keine Fehler macht, lernt ja nicht dazu. Und immerhin hatte ich die richtigen Schuhe an und genügend Traubenzucker dabei.

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WIE ALLES BEGANN

Im Juni 2000 erschien in Europa „Pokemon Gelb“ (auch „Pokemon Special Pikachu Edition“ genannt), ein Pokemon-Spiel für den Gameboy. Damals war ich 8. Mein Cousin ist 2,5 Jahre älter als ich und hat mich mit der Pokemon-Manie angesteckt. Er besaß neben diversen anderen auch eine Pokemon-Edition. Seitdem bin ich infiziert – auch wenn ich schon längst dem Alter der eigentlichen Zielgruppe entwachsen bin.

In den folgenden Jahren habe ich mir sämtliche Spiele am Erscheinungstag gekauft und innerhalb von wenigen Tagen durchgezockt, es hatte fast schon Suchtcharakter. Danach lag der Gameboy allerdings wieder in der Ecke – zumindest bis das nächste Spiel auf den Markt kam.

Nun begegnen mir auf der Straße Jugendliche in kleinen Grüppchen, am Bahnhof höre ich den Jungen neben mir sagen: „Geil! Ich habe gerade ein Schiggy gefangen“, und bin (fast) ein bisschen neidisch. Ein Schiggy (ein niedliches blaues Pokemon, das aussieht wie eine Schildkröte) hätte ich auch gerne. Leider bin ich bisher noch keinem begegnet. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Morgen gehe ich schließlich wieder eine Runde joggen. Vielleicht läuft mir ja noch Eines vor die Füße. Oder ein Pikachu, das hätte ich nämlich auch gerne.

Besser als Fitness-Apps

Pokemon Go hat das geschafft, was Fitness-Apps bei mir seit Jahren (erfolglos) versuchen: Ich bin regelmäßig für viele Stunden unterwegs. Meinem Insulinverbrauch kommt die Bewegung natürlich zugute. Ich konnte meine Basalrate schon um einiges reduzieren, auch wenn sie deswegen leider immer noch nicht so richtig passt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nach mehreren Wochen ist meine Pokemon-Go-Motivation inzwischen gesunken. Meine Motivation zum Joggen ist geblieben. Inzwischen habe ich es mir angewöhnt, mehrmals die Woche morgens bei Sonnenaufgang eine (oder auch zwei) Runden zu drehen. Dabei kommen mir die inzwischen wieder kürzeren Tage entgegen: Wenn es dunkel ist, sieht wenigstens niemand, wie ich mich zum Deppen mache.


Diesen Beitrag gibt es auch hier auf der Blood Sugar Lounge zu lesen. 🙂

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